Technik und Motor Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04.03.2003, Nr. 53, S. T6


Der große Schlag über das weite Wasser
Bei der DCNAC erfüllen sich couragierte Segler den Traum von der Atlantiküberquerung - unter Regattabedingungen / Die "Haze" und ihre Vorbereitungen



Mythos Atlantik: Bei dem Gedanken, diesen Ozean auf einem Boot zu überqueren, bekommt der Freizeitsegler Herzklopfen. Für einige hundert wird sich der Traum vom Törn des Lebens erfüllen: Im Sommer findet die Daimler-Chrysler North Atlantic Challenge statt. Die Regatta über den Nordatlantik ist das Hochsee-Segelereignis des Jahres. Wir werden in einer losen Serie eine der teilnehmenden Yachten, die deutsche "Haze", beobachten, den Bau des Boots, die Vorbereitungen der Crew und ihren 3500-Seemeilen-Weg von Newport nach Cuxhaven beschreiben.


Dabeisein ist für Jochen Winter bei weitem nicht alles. Das Erlebnis, den rauhen Ozean auf eigenem Kiel zu überqueren, die anspruchsvolle nördliche Route zu bewältigen - schön und gut. Annähernd drei Wochen auf See mit nassen Füßen, kalten Fingern, müffelnden Mitseglern, Trockennahrung aus Tüten und unruhigem Schlaf - das mag Herausforderung genug sein. Aber Jochen Winter reicht das nicht. Er will nicht nur dabeisein, er will vorn dabeisein. "Wenn ich lediglich über den Atlantik fahren wollte, würde ich mir eine Koje chartern. Bei dem, was wir da ausgeben, wollen wir an der Spitze mitfahren." Eine sechsstellige Summe steckt der 46 Jahre alte Rechtsanwalt aus Frankfurt in die Teilnahme an der DCNAC. Zusätzlich zu den Kosten für das neue Boot, das er sich gerade in Dänemark bauen läßt.


Unzählige Segler träumen von der Atlantiküberquerung, Winter hat es in die Hand genommen und kräftig investiert. Zwar war der Kauf einer neuen Yacht ohnehin geplant, weil dem Freitzeitskipper und seiner Freundin, Kollegin und Mitseglerin Petra Lomp der alte Vollholz-Klassiker von 1969 nicht mehr sportlich genug war. Doch Nachfolgerin "Haze" wird weit über das zum normalen Fahrtensegeln Übliche hinaus auf Leistung getrimmt. Mehr als die Hälfte des Erlöses für die alte "Divine" geht allein für die neue Segelgarderobe drauf: ein Großsegel, dessen besonders leichtgängige Rutscher allein 3000 Euro kosten, 3DL-Genua, Schwerwettergenua, drei Gennaker, Fock, Sturmfock und Trysegel. Das erfordert finanziell einen "kräftigen Schluck aus der Pulle", sagt Winter und bemüht sich zur Zeit noch um einen Sponsor.


Bei der Wahl des Boots hat er sich für eine Luffe 48 aus Dänemark entschieden, eine moderne, rassige Fahrtenyacht aus einem hochwertigen GFK-Laminat mit Kohlefasermast und Bleikiel. Komplett ausgerüstet kommt sie auf ungefähr 450 000 Euro. Sie hat eine vergleichsweise schlanke Silhouette und als Markenzeichen eine scharfe Bugpartie mit zunächst "hohl" nach innen verlaufenden Linien - todschick in Kombination mit der dunkelgrünen Rumpffarbe. Die Werft zeigte sich offen für Änderungswünsche beim Innenausbau und zog prompt den Liefertermin von Juni auf Anfang April 2003 vor, als Winter sich für die DCNAC anmeldete.


Ankerwinsch, Anker und Bugbeschlag wurden der Gewichtsersparnis ("ein ständiges Thema") geopfert. Eigens für die Regatta wird ein Salzwasseraufbereiter eingebaut, die Stromversorgung aufgerüstet, ein Elektronikpaket mit allem Drum und Dran von Autopilot über Radar bis zum GPS-Ortungssystem bestellt und ein spezieller, extrem glatter Unterwasseranstrich aufgetragen. Alle Kojen und Salonsofas bekommen Leesegel, damit im Seegang niemand herunterknallt. Der Bordcomputer wird mit Regattasoftware gefüttert, obendrein sollen während der Wettfahrt die Dienste eines auf Wetterrouting spezialisierten Meteorologen in Anspruch genommen werden. Für Satellitenkommunikation und Datenübertragung wird ein nagelneues System von Nera installiert, außerdem wird voraussichtlich ein Globalstar-Satellitenhandy an Bord sein.


Gennaker-Ausrüstung (statt des schwieriger zu handhabenden Spinnakers) sowie Elektrowinschen sind Zugeständnisse an den eigentlichen Zweck des Boots. Denn später wollen Jochen Winter und Petra Lomp es überwiegend allein zum Fahrtensegeln nutzen. Während der DCNAC muß das Erlebnis "Weite des Meeres" mit Enge an Bord erkauft werden: Damit sich die acht Crewmitglieder - teils erfahrene Touren-, teils Regattasegler - aneinander gewöhnen, wird im April jedes Wochenende trainiert, an Ostern soll eine Langstrecke gesegelt werden. Im Mai schließlich wird "Haze" von Hamburg nach Amerika transportiert - als Decksfracht für 11 750 Dollar.


WALTER WILLE


Kastentext:


Eine illustre Flotte auf dem großen Teich


Mehr als 50 Privat- und Vereinsyachten sind bisher für die Daimler- Chrysler North Atlantic Challenge (DCNAC) gemeldet. Vom Fahrtenboot mit beherzten Amateuren bis zum hochgezüchteten Racer mit Proficrew, vom Oldtimer bis zum Neubau ist alles vertreten. Das Reglement schreibt eine Mindestlänge von 40 Fuß (12,2 Meter) vor. Größtes Schiff am Start wird wahrscheinlich der 46,51 Meter lange Schoner "Windrose" aus den Niederlanden sein.


Der 100. Geburtstag des Hamburgischen Vereins Seefahrt ist der Anlaß für das Rennen und eine anschließende maritime Festwoche (4. bis 12. Juli) in der Hansestadt. Hauptstart ist am 14. Juni, die schnellsten Schiffe werden erst eine Woche später lossegeln, damit auch sie zeitnah zu den Feiern ankommen. Veranstalter der DCNAC ist der Norddeutsche Regatta Verein, Mitorganisator der New York Yacht Club.


Der Kurs über 3500 Seemeilen (etwa 6500 Kilometer) führt von Newport/Rhode Island zu einem Punkt Alpha, der je nach Eisdrift des Labradorstroms zum Schutz vor Treibeis kurzfristig festgelegt wird, und dann nördlich um die Britischen Inseln herum (Faire Isle zwischen Shetland- und Orkney-Inseln bleibt an Steuerbord). Eine "Black Box" an Bord jeder Yacht meldet der Regattaleitung über Satellit jederzeit Position, Kurs und Geschwindigkeit. Ziel ist Cuxhaven, von wo aus es nach Hamburg geht. Der Großteil der Flotte wird etwa 20 Tage unterwegs sein. Damit kleinere Yachten eine Chance haben, wird die gesegelte Zeit anhand des Geschwindigkeitpotentials der unterschiedlichen Boote in eine berechnete Zeit umgewandelt. (lle.)



Alle Rechte vorbehalten. (c) F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main

Zur Verfügung gestellt von:
F.A.Z.-Archiv